02.09.2017

Rasende Zocker im Schottenrock

Von der Konsole an die Rennstrecke. Ein Paradebeispiel dafür gab es bei der VLN4. Ein Team aus Dunbar bei Edinburgh feierte Premiere. Fahrer Benjamin Lyons seine Frau Kaeli, Bernhard Schiffer und Eoin Callan erfüllten sich bei der 48. Adenauer ADAC Rundstrecken-Trophy einen lang gehegten Traum.

In der V4-Klasse wurden sie mit einem BMW e90 325i Elfte von 17. Hauptberuflich sind die drei Männer beim GTA-Spieleentwickler Northern Rockstar in Schottland tätig. Zu VLN6 kehrt das Quartett zurück auf den Nürburgring. racing news sprach mit Benjamin Lyons über die Beweggründe, seine Erlebnisse in der Grünen Hölle und den Zusammenhang zwischen zocken und racen.

Stell mir euer Team bitte mal im Detail vor?
Viken Motorsport ist ein kleines Amateur-Team, das in Schottland bei Edinburgh beheimatet ist. Es besteht aus einer Gruppe von Freunden. Wir arbeiten als Spieleentwickler zusammen bei Rockstar North. Das sind die Schöpfer von Grand Theft Auto. Hinzu kommt meine uns unglaublich unterstützende Frau Kaeli. Nach der Veröffentlichung von GTA V hatten wir ein bisschen mehr Freizeit und bildeten ein Rennteam. Das Ziel war auf dem Nürburgring Rennen zu fahren. Zuerst hatten wir einen BMW e36 318ti, um zu lernen, wie man Rennwagen baut, wir wollten Erfahrungen sammeln. Er war rostig und hatte eine verbogene Karosserie. Der Motor ist mehrmals geplatzt. Wir haben es dennoch wirklich genossen, zu bauen und Rennen zu fahren. Die Kenntnisse, die wir dabei gewonnen haben, haben wir dann in die Entwicklung unseres aktuellen Autos, einen BMW e90 325i, gesteckt.

Was hat es mit Eurem coolen Logo auf sich?
Der Vorteil ist, wenn du in einem kreativen Bereich wie in der Spiele-Entwicklung arbeitest, dann triffst du viele brillante Künstler. Wir arbeiteten mit einem äußerst talentierten Illustrator namens Alasdair Wood zusammen. Er hat das Logo für unser Team entworfen. Die Achsen repräsentieren Kolben mit etwas Wikinger-Flair dabei. Mit einem Teamnamen wie Viken brauchten wir einfach Achsen. Die Turmspitze mit Zinnen repräsentiert die berühmte Burg im Zentrum von Edinburgh, der Heimatstadt des Teams.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die Nordschleife zu fahren?
Ich habe die Strecke 2003 kennengelernt, als ich auf der Xbox ein Spiel namens Gotham Racing 2 gezockt habe. Ich erinnere mich, dass ich kaum in der Lage war, mir die große Anzahl der Kurven zu merken. Es gelang mir nur sehr selten, eine ganze Runde zu fahren, ohne dabei neben der Strecke zu landen. Später habe ich dann über Radio Le Mans erfahren, dass es dort sogar ein 24h-Rennen gibt, bei dem über 200 Autos gegeneinander racen, egal ob es ein Mini oder ein Dodge Viper ist. Das faszinierte mich: Ein erstklassiger Ausdauersport, bei dem begeisterte Amateure ohne astronomische Budgets gegen professionelle Teams konkurrieren können. Und ich wusste sofort, da will ich unbedingt mal dabei sein. Ehrlich gesagt, habe ich nie gedacht, dass ich mir diesen Wunsch einmal erfüllen kann. Aber dank harter Arbeit und der Unterstützung meiner tollen Familie und Freunden habe ich es endlich geschafft. 14 Jahre nach meiner ersten pixeligen Runde war ich am Ziel.

Woher kommt der Enthusiasmus für den Motorsport?
Ich bin ein großer Fan dieses Sports. Motorsport und Langstreckenrennen im Besonderen sind ein gutes Abbild des realen Lebens. Um erfolgreich zu sein, muss man viele Dinge gut können. Es erfordert eine breite Palette, von mechanischem Wissen, Physik, Mathematik, Strategie, Materialwissenschaft, Teamarbeit, Fitness, finanzielle Kompetenz bis hin zu Sprachkenntnissen. Außerdem brauchst du die Kraft und Entschlossenheit, ein Auto durch ein anstrengendes Rennen zu bekommen. Du erlebst so viele emotionale Momente an so einem Tag. Es ist Klischee, aber ich muss dann immer an das Zitat von Steve McQueen aus dem Film Le Mans denken. „Rennen fahren ist das Leben, alles was vorher oder nachher passiert, ist nur warten.“

Warum habt Ihr euch ausgerechnet für einen Start in der VLN entschieden?
Die VLN ist meines Erachtens die größte Langstreckenserie die es gibt. Sie findet auf der besten Strecke der Welt statt und es gibt eine Vielzahl an unterschiedlichen Autos. In welcher anderen Rennserie kann ein Amateur mit Legenden wie Jörg Müller oder der berühmten Motorsportlerin Sabine Schmitz konkurrieren. Für uns ist es ein echtes Privileg, an dieser Serie teilnehmen zu können.

Was fahrt Ihr für ein Auto?
Wir fahren einen BMW e90 325i. Er ähnelt vielen Autos in der Produktionsklasse V4. Nur in einer Sache nicht. Er ist britisch und daher rechts gesteuert. Wir haben den BMW im Oktober 2016 als Straßenfahrzeug mit knapp 80.000 km auf der Uhr gekauft. Das Auto wusste wahrscheinlich nicht, wie ihm geschah. Gerade erst noch hatte ein älterer Gentleman damit seine Einkäufe erledigt und nun wurde ihm alles, was es nicht schneller machte, entfernt. Wir entfernten alle schalldämpfenden Materialien, ersetzten jede Nuss und Schraube in der Aufhängung. Alles wurde gereinigt, sandgestrahlt und jedes Teil lackiert. Alles, was außerhalb der Spezifikation war, wurde ersetzt. Anstatt die Türverkleidung zu kaufen, um die schweren BMW-Einheiten zu ersetzen, entschlossen wir uns, unsere eigenen Kohlefaserteile herzustellen und sie selber zu bauen.

Ihr habt das Auto in einem Zelt hergerichtet?
Wir haben den Rennwagen in einem Zelt über den Winter in Schottland gebaut. Das war nicht ideal. Es war kalt und zugig. Bei mehreren Gelegenheiten musste ich mitten in der Nacht nach draußen eilen, damit das Zelt im Sturm nicht davonfliegt. Aber wir hatten keine Garage. Wir mussten mit dem auskommen, was uns zur Verfügung stand.

Der Mythos Nordschleife, kennt man den auch in Schottland?
Der Nürburgring ist in Schottland sehr bekannt. Als ich vor acht Jahren von England nach Schottland gezogen bin, habe ich erst erkannt, was dieses Land für eine großartige Geschichte im Motorsport hat. Vor allem bei Langstreckenrennen mit Ecurie Ecosse. Das war ein kleines Team aus Edinburgh, die mit einem Jaguar D-Type die 24h von Le Mans 1956 und 1957 gewinnen konnten. Zudem gab es berühmte schottische Rennfahrer wie Jackie Stewart und Jim Clark, die auf einer Farm unweit meines eigenen Hauses lebten. Für viele Schotten ist ein Ausflug zum Nürburgring eine Art Pilgerfahrt. Populär ist die Nordschleife auch durch ihren Auftritt in Computerspielen wie Gran Turismo, oder Websites wie Dale Lomas bridgetogantry.com. Wenn man hier auf der Fähre mit einem Rennwagen übersetzt, ist das erste, was die Leute dich fragen: „Bist du auf dem Weg zum Nürburgring?“

Habt ihr Euch komplett auf der Konsole für das Rennen vorbereitet?
Ich habe viele Tausende von Runden in Simulationsspielen gemacht, bevor ich meinen ersten Track-Day hatte. Das hat mir wirklich geholfen. Ich wusste vor Ort dann wie ich die Kurven fahren musste. Worauf mich diese Runden aber nicht vorbereitet hatten, das war die schiere Größe der Strecke. Es gibt nichts Vergleichbares. Wenn du das erste Mal den Hügel hinunter zur Fuchsröhre rast, es ist erschreckend. Ich würde jedem empfehlen, die Strecke in einem Spiel kennenzulernen. Aber sie mit größtem Respekt zu behandeln, wenn du sie real fährst. Der Nürburgring ist ein gnadenloser Ort. In einer Welt voller Rennstrecken, wo Fahrer und Stewards überall über Geschwindigkeitsbegrenzungen diskutieren, gilt das für die Nordschleife nicht. Wenn du hier von der Strecke abkommst, dann bezahlst du dafür. Aus diesem Grund liebe ich die Strecke.

Wie oft warst Du auf der Nordschleife als Fahrer schon unterwegs?
Vor meinem ersten Rennen auf dem Nürburgring habe ich an drei Track-Days teilgenommen und habe rund 40 Runden absolviert. Dann hatte ich meine erste RCN-Teilnahme in 2016. Wir haben uns einen BMW e36 M3 von Manheller Racing gemietet. Die Jungs sind echte Motorsport-Enthusiasten. Es war toll, aber ich wollte in meinem eigenen Auto fahren. Somit nahmen wir uns vor, unsere Fähigkeiten auf der Strecke weiter zu verbessern und zu lernen, wie man einen Rennwagen selber baut und entwickelt. Über den Winter haben wir ein Auto gebaut und dann sind wir in unserer Klasse Zweiter von 18 Startern und 30. in der Gesamtwertung geworden. Das Bier nach der Siegerehrung war das Beste, was ich je getrunken habe. Wir hatten zwar nicht gewonnen, aber im zweiten Rennen Zweiter auf dem Nürburgring. Das bestätigte uns in unserem Tun. Wir hatten etwas richtiggemacht. Wir lasen dann von dem 50-prozentigen Rabatt für Neustarter in der VLN. Das war Schicksal. Das mussten wir machen. Obwohl wir nur ein dreiköpfiges Team und einen Fahrer haben, nutzten wir die Gelegenheit an der großen Show teilnehmen zu können. Und wir waren total begeistert.

Gab es Probleme für Euch während des Rennens?
Ein 4h-Rennen in der Grünen Hölle mitten im Sommer bei brütender Hitze ist wirklich hart für Auto und Fahrer. Bei vielen Teams sieht es nach purer Leichtigkeit aus, ist es aber mitnichten. Für die Piloten in der V4-Klasse ist das Ganze ein Sprint. Sie fahren immer am Limit. Gegen Hälfte des Rennens musste unser Auto so langsam der Hitze Tribut zollen. Auf Höhe Döttinger Höhe wurde es 15 km/h langsamer. Dann begann die 3. Gang-Synchro den Geist aufzugeben. Ich entschied mich, auf den zweiten Gang zu verzichten, der ohnehin nur an wenigen Punkten auf der Strecke gebraucht wird. Auch wenn das natürlich nicht ideal war, hat es unsere Rundenzeiten zum Glück nicht allzu negativ beeinflusst. Dann habe ich endgültig angefangen vernünftig zu fahren und meine Kräfte zu sparen, damit ich die vier stündige Distanz schaffe. Besonders nach dem zweiten Boxenstopp war ich erschöpft. Ich sah, dass ich immer noch eineinhalb Stunden Fahrt vor mir hatte. Gegen Ende des Rennens habe ich nur noch die Runden runtergezählt und gehofft, dass das Auto hält. Ich wollte 75 Prozent der geforderten Distanz schaffen, damit ich die DMSB Nordschleifen Permit A bekomme. In den letzten Runden wurde dann auch noch der Sprit knapp. Wir kalkulierten schnell durch, ob wir noch einen Boxenstopp bräuchten, aber wir kamen zu dem Ergebnis, das es reichen würde bis ins Ziel. Ich war sehr erleichtert, als ich nach vier Stunden endlich die herunter tickende Uhr sah. Aber ich hatte keinen Sprit mehr für eine Extra-Runde. Zum Glück überholte mich der Führende ein paar Kurven vor dem Ende. Ich sah die karierte Fahne, als ich unter der Brücke auf die berühmte Gerade kam. Wir hatten es vollbracht, wir hatten unsere erste VLN abgeschlossen.

Wie waren deine Emotionen während des Rennens?
Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Wir waren sehr nervös, als wir das Auto zusammengebaut haben, wir wussten nicht, ob alles so klappt, wie wir es uns vorgenommen hatten. Dann waren wir unglaublich gespannt, als wir vor der Qualifikation in der Boxengasse standen. Wir versuchten das Drumherum auszublenden. Für uns war es das größte Rennen, das wir bis dato gefahren hatten. Wir waren die vielen Zuschauer und die TV-Kameras überhaupt nicht gewohnt. Jetzt bereiteten wir uns auf das Rennen vor, und plötzlich steckte eine Filmcrew eine Kamera durch unser Fenster. Das war wirklich surreal. Wir machten nur ein paar fliegende Runden im Qualifying, um die Reifen zu schonen. Ich war ein wenig enttäuscht, wir wurden 15. von 17. Aber es ging erst Mal nur darum, am Rennen teilnehmen zu können. Der Anfang selbst war wieder eine ängstliche Angelegenheit. Ich hatte noch nie einen rollenden Start auf dieser Strecke gemacht. Bevor ich bereit war, ging es los. Nachdem ich mich an die ersten Kurven vorsichtig herangetastet hatte, fühlte es sich an wie bei der RCN mit vielen ähnlichen Autos um mich herum. Doch dann kamen die monströsen GT3-Autos an mir vorbeigeflogen. Und ich wusste sofort, dass ich Teil eines ganz besonderen Events war.

Wie war die Erfahrung mit den schnellen GT3-Autos ein Rennen zu fahren? Was ist Dir dabei besonders im Gedächtnis haften geblieben?
Ich war nervös. Ich hatte ein wenig Sorge, dass sie die kleineren Autos zur Seite drängen. Aber sie waren sehr respektvoll und höflich im Umgang mit uns. Einmal fuhr ich kurz vor der anspruchsvollen Kurve am Schwedenkreuz. Wenn du da die Ideallinie verlässt, verlierst du schnell die Balance. Das schnellere Auto hinter mir hat aber geduldig gewartet, bis zur Bremszone nach Aremberg. Anstatt zu versuchen, sich an der Innenseite an mir vorbei zu schieben. Dieser besondere Geist, diese Fairness und den gegenseitigen Respekt habe ich aber nicht nur auf der Strecke erlebt. Sondern in jedem Moment an diesem Wochenende wie zum Beispiel beim Fahrer-Briefing vor dem Rennen. Ein weiterer, sehr unvergesslicher Moment für mich, war der Anblick des professionell gefahrenen Falken BMW M6 GT3. Er brachte es zustande, unser Auto innerhalb von nur 18 Minuten nach dem Start zu überrunden. Als er an mir vorbei raste, fühlt es sich an, als wäre er doppelt so schnell. Dieser Moment wird mich mein ganzes Leben begleiten. Gleichzeitig mit solch fantastischen Fahrern auf der Strecke zu sein, ist ein Privileg. Dieser Logenplatz ist das Beste, was ein Motorsport-Fan erleben kann.

Wann ist euer nächster Start in der VLN?
Wir haben im Moment nur einen Fahrer. Also konnten wir nicht an dem 6h-Rennen teilnehmen. Aber bei VLN6 sind wir wieder mit von der Partie.