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08.07.2017

„Ich brannte von Kopf bis Fuß“

Willi Moore, 61 Jahre alt aus Großbritannien, ist durch und durch Racer. Zur Nürburgring Nordschleife hat er eine ganz spezielle Beziehung, die ihren Ursprung 1979 hatte. Seitdem ist Moore der „Grünen Hölle“ verfallen. racing news sprach mit ihm über die Anfänge, ein traumatisches Erlebnis und die Gegenwart.

Wann hatten Sie Ihr erstes Nordschleifen-Erlebnis?
Das war 1979 mit einem Formel Ford 1600. Da habe ich die Strecke auch das erste Mal gesehen. Dan Partel hat damals die EFDA (European Formula Drivers Association) gegründet und ich wollte unbedingt bei dieser Serie mitmachen. Sie fuhren auf den größten Strecken. Ich hatte nur ein kleines Budget, wollte aber unbedingt am Nürburgring, in Zolder und in Zandvoort starten.  

Was hatten Sie als Brite vorher schon über die Nordschleife gehört?
Die Nordschleife war schon immer weltberühmt. Meine Neugierde war sehr groß. Ich wollte das mal mit eigenen Augen sehen. Ich musste unbedingt dahin.

Gab es beim ersten Rennen spannende Begebenheiten?
Einer meiner Konkurrenten hatte einen zum Renntransporter umgebauten Bus, mit dem hat er in Silverstone direkt an der Strecke gewohnt. Ich hatte mit ihm abgemacht, dass ich mich an den Spritkosten beteilige, dafür wollte er mein Fahrzeug ebenfalls transportieren. Leider passte aber nur ein Formel Ford in seinen Transporter. Dann haben wir mein Auto an Seilen durchs Fenster, übers Dach, über sein Auto irgendwie festmachen können. Ich bin mit einem alten VW-Bus, einem Anhänger mit den Ersatzteilen und dem Werkzeug etwas früher losgefahren. Im Fahrerlager haben wir dann gewartet und gewartet. In der Zwischenzeit wollte ich die Strecke kennenlernen und habe mit dem VW-Bus neun Runden gedreht, das hat den ganzen Tag gedauert. Dadurch, dass das so langsam war, konnte ich mir die Strecke aber gut einprägen. Ich hatte aber immer noch nicht genug und habe jemanden gefragt, ob er mich mitnimmt. Ich habe mich in einen ausgeräumten Golf reingequetscht, der hinten keine Sitze hatte. Auf der einen Seite die Beine, auf der anderen Seite der Körper. Mein mitfahrender Mechaniker genau andersrum. Wir hatten keinen Helm, keine Gurte, gar nichts. Bei Breidscheid hat es gequalmt, er hatte sich verbremst und wir dachten, jetzt geht es in die Mauer rein. Zum Glück ging das gut. Nach dem Ende der Fahrt wollte ich mich bei ihm bedanken, und da sah ich, er war mit einem Gipsbein gefahren. Ich konnte es nicht glauben. Unser Auto kam in der letzten Sekunde dann auch irgendwann an. Er musste unterwegs Reparaturen an der Spritpumpe seines Busses machen. Ihm fehlte somit die Kenntnis der Strecke. Er ist dann am Pflanzgarten in der ersten Runde abgegangen, das Wochenende war für ihn zu Ende. Das Auto war platt.  

Wie war denn damals das Fahren mit so einem Formel Ford?
Von Aerodynamik war da keine Spur. Wir hatten keine Slicks, das war eine Mischung aus Intermediate und Regenreifen. Wir hatten ein Vier-Gang-Getriebe. Es gab damals einige Stellen auf der Strecke, da sind wir förmlich in die Luft gegangen. Nicht nur am Flugplatz, sondern bei jedem Buckel. Die Autos hatten Drehzahllimits von 6.800 bis 7.200. Wenn man nur 50 Umdrehungen mehr gefahren ist, waren die Stangen am Ventilheber gebogen und dann war Ende. Man musste sehr schnell lernen, wo das Auto in die Luft geht, sonst drehte der durch. Da musste man sehr aufpassen. Das Karussell war der Hammer, das war so schnell, wir hatten ja eine Bodenhöhe von 70 Millimeter, du bist nur auf dem Boden rumgeschlittert. Ich dachte, mir brennt der Allerwerteste ab. Wir mussten noch zehn Millimeter-Stahl-Blöcke unter die Karosserie schrauben. Nach spätestens drei Runden hatten wir kein Benzin mehr, weil der Tank zu klein war. 

Wie lief dann das Training und das Rennen ab?
Es gab ein internationales Feld mit 144 Startern. Beim Training waren die ersten elf Autos überraschenderweise alle innerhalb von einer Zehntelsekunde, ich war Siebter. Zu der Zeit war Formel Ford in England die größte Serie für Neueinsteiger, die in die Formel 1 wollten. Und alle kamen nach England – Brasilianer, Südamerikaner usw. Deswegen ist auch Ayrton Senna da gefahren. Da gab es die besten Felder. Ich bin insgesamt elf Jahre Formel Ford gefahren. Beim Training bin ich einmal durch sieben Reihen Fangzäune abgeflogen. Da aber viele Engländer da waren, gab es auch reichlich Ersatzteile und so haben wir das Auto dann repariert bekommen. Der Querlenker hat ein bisschen gequietscht, aber so schlimm war es auch nicht. Der eigentliche Sieger, der Ire Thomas Byrne, später in der Formel 1 aktiv, wurde disqualifiziert, weil er einem deutschen Gegenspieler ständig gegen die Reifen gefahren ist, bis dieser einen Plattfuß hatte. Ich bin Vierter geworden, und bin Rundenrekord gefahren mit neun Minuten und fünf Sekunden, das war noch mit der Südkehre. Das war ja kurz vor dem Umbau, deswegen habe ich den Rekord heute noch.    

Und danach hatten Sie die Nordschleife im Griff?
Wenn ich ehrlich bin, nein. Ich wusste nun, wo es langgeht und wo die gefährlichen Stellen sind. Ich habe die Strecke immer in mehrere Abschnitte unterteilt, so kann ich mir das besser einprägen. Neuen Fahrern bringe ich die Strecke bei, indem ich sie erst mal auf die gefährlichen Abschnitte hinweise. 

Wann sind Sie mit einem Tourenwagen auf die Nordschleife zurückgekehrt?
Das war 1981. Da ist mir beim 24h-Rennen kurz vor Wehrseifen hinten links die Achse komplett gebrochen. Da ist man noch nicht langsam unterwegs. Ich wusste sofort, was passiert ist. Und ich kam auch ohne anzuecken zum Stehen. Dann wollte ich im ersten Gang losfahren. Um ein Uhr morgens, war alles sehr dunkel. Es war ein rechtsgesteuertes Auto, ich gucke über die Schulter und sehe ein Auto kommen und denke, och der geht hinter mir durch, kein Problem. Was ich aber nicht wusste, das war nicht ein Auto, sondern drei Autos sehr eng hintereinander. Der Erste konnte noch links an mir vorbei ausweichen. Der Zweite ist mir reingefahren. Ich stand praktisch. Der ist mir mit zirka 160 km/h voll ins Heck. Der Benzintank, das war ein Gummitank, der war da, wo die Rücksitzbank liegt. Das ganze Heck ist geplatzt. Patsch. Ich hatte ja auch noch genug Sprit drin. Ich habe erst Mal eine Dusche mit Sprit abbekommen und bin dann wie ein Kegel die Strecke runtergerollt, es hat gefunkt, auf einmal ging das ganze Auto in die Luft. Ich brannte von den Füßen bis zum Kopf. Zum Glück ging bei mir noch die Tür auf. Den Knall höre ich heute noch, überall war Feuer. Zum Glück war ich noch bei vollem Bewusstsein und hatte auch keine Panik. Das wundert mich heute noch. Der erste Gedanke war, wo liegt ein Löscher, nicht fürs Auto, sondern für mich. Ich hatte Sorgen, dass mir das Feuer ins Gesicht reingeht. Ich muss laufen, überlegte ich, dann sind die Flammen hinter mir. Irgendwann war der Sprit alle. Meine Schnürsenkel waren weg geschmort, der Gummi an meinen Beinen auch, der Plastikschlauch zum Trinken war vollkommen weggebrannt. Es hat mir alles wehgetan, und ich habe auch ordentlich gehustet. Ich dachte, ich habe einen Mauerstein geschluckt. Aber ich hatte keine schwere Verletzung. 

Haben Sie nach diesem traumatischen Erlebnis mal darüber nachgedacht, keine Rennen mehr zu fahren?
Natürlich denkt man da dran. Man überlegt sich alles. Ich weiß noch, ich lag ein paar Tage später mit meiner Frau im Bett und habe zu ihr gesagt, beinahe wäre ich nicht mehr nach Hause gekommen. Ich habe ihr erzählt, was passiert ist und sie gefragt, ob sie sich Sorgen macht. Ihre Antwort war, egal, was ich Dir sagen werde, du machst ja sowieso weiter. Damit war die Sache für mich gelöst, ich dachte, sie hat ja Recht. Ein Fahrerkollege, ein Rechtsanwalt, sagte mal zu mir nach dem Training, Willi, weißt du was, ich habe so eine Angst vor dieser Strecke, da habe ich zu ihm gesagt, hör auf Rennen zu fahren. Wenn Du mir so was erzählst, dann ist das für dich nichts. Und er hat aufgehört. Bei mir ist öfters mal was schiefgegangen. Das gehört dazu. Ein Rennfahrer, der mir sagt, er hat nie einen Crash gehabt, der ist langsam. Bei mir geht es nicht darum, ob es weh tut, sondern, was es kostet. 

Sie sind mit verschiedenen BMW über die Nordschleife gefahren, aktuell kommt ein Cup-Porsche zum Einsatz. Wo sehen Sie sich realistisch in der Cup-Klasse?
Mein bestes Resultat bei einem 24-Stunden-Rennen war der neunte Platz mit einem Nissan. Als die GT-Autos kamen, hatte man mit einem Gruppe-N-Fahrzeug keine Chance mehr, etwas zu erreichen. Heute könnte man da maximal mit einem Platz um 100 rechnen. Ich bin jetzt 61 Jahre alt, das lässt schon ein bisschen nach, ich mache selten einen Fehler, ich bin konstant schnell, bei der Cup-Klasse fehlen mir acht bis zehn Zehntel gegenüber den ganz schnellen Fahrern pro Runde. Wir testen aber nicht. Wenn alles normal läuft, müssten wir unter den ersten Drei sein. Wir haben ja auch ein kleines Team, da verlieren wir immer was in der Boxengasse. Wir sind konkurrenzfähig. 

Der sportliche Ehrgeiz ist Ihnen aber trotz Ihres Alters von 61 Jahren erhalten geblieben?
Ich bin noch zu hundert Prozent Rennfahrer. Ich bin nicht da, wie sagt man auf Englisch, for making the numbers. Ich bin da, um Pokale zu holen.